27.10.2017 Stephanie Kunert Keine Kommentare ↓

Der urbane Straßenverkehr steht vor einem Wendepunkt

Auf dem 34. Deutschen Logistik-Kongress fordert die Bundesvereinigung Logistik (BVL) vom neuen Deutschen Bundestag, die urbane Logistik zum Topthema zu machen. Sie verlangt eine konstruktive Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Denn der urbane Straßenverkehr steht vor einem Wendepunkt.

Die autogerechte Stadt gehört der Vergangenheit an

Die Großväter- und Großmütter-Generation von heute dürfte sich vielleicht noch daran erinnern: 1959 tauchte erstmals der Begriff von der so genannten autogerechten Stadt auf. Auslöser für den damaligen Hype war ein gleichnamiges Buch des Hamburger Architekten und Stadtplaners Hans Bernhard Reichow, in dem er das Hohe Lied des individuellen Autoverkehrs sang, dem sich die innerstädtische Straßenplanung zu unterwerfen habe. So manche Bausünde aus jener Zeit, der beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg oftmals wertvolle Bausubstanz zum Opfer fiel, erinnert in vielen deutschen Groß- und Mittelstädten immer noch daran. Inzwischen steht die innerstädtische Mobilität an einem Wendepunkt.

Individualverkehr geht zurück – Bedarf an Mobilität steigt

In welche Richtung es zukünftig weitergeht, versuchte ein Reifenhersteller auf einem Kongress mit drei Experten aus der Mobilitätsforschung, der Entwicklung von High-Performance-Reifen sowie des Reifenfachhandels zu klären. Deren Fazit: Die Ära der Konzentration auf die Bedürfnisse des Individualverkehrs geht allmählich zu Ende. Lukas Neckermann, Unternehmensberater mit Sitz in London und Autor mehrerer Bücher zum Thema, bringt es auf den Punkt: „Das private Auto wird im urbanen Umfeld nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Auslöser sind verstopfte Straßen, der Wunsch nach weniger Verkehrslärm und besserer Luft sowie soziale Veränderungen.“ Immer strengere regulatorische Vorgaben wie Zufahrtsbeschränkungen und Fahrverbote seien für die Mobilität von morgen Vorboten dieses Umbruchs.

Der Großstadtstau ist eine Herausforderung für den urbanen Stadtverkehr. Foto: panthermedia

Als Beispiele nannte Neckermann Metropolen wie London oder Stockholm, die für die Benutzung innerstädtischer Straßen mit dem Privatwagen erhebliche Mautgebühren verlangen. Insgesamt würden in Europa rund 200 Städte der individuellen Mobilität mehr oder weniger hohe Hindernisse in den Weg stellen. Andererseits: Wenn, wie zum Beispiel in Köln, jede Autofahrerin und jeder Autofahrer im Jahr durchschnittlich 46 Stunden im Stau verbringt – in Los Angeles sind es gar 100 Stunden –, der verliert schlicht und einfach die Lust am eigenen Auto, was freilich nicht heißt, dass der Bedarf nach Mobilität im Schwinden begriffen wäre. Im Gegenteil.

Digitalisierung beschleunigt Mobilitätsrevolution

Zwar geht die Zahl der im Privatwagen zurückgelegten Kilometer der in den Ballungsräumen wohnenden Bevölkerung zurück. Dagegen steigt bereits jetzt spürbar deren Bedarf nach Mobilitätsdienstleistungen wie zum Beispiel Carsharing. Schon heute nutzen 1,7 Millionen Deutsche dieses Angebot, und täglich werden es mehr. Dabei wird die Mobilitätsrevolution – wie viele tiefgreifende Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft – vom Megatrend Digitalisierung beschleunigt. Sowohl der Handel als auch die Anbieter von Mobilitätsdiensten wie Drivenow und Car2go nutzen Smartphones als direkte Schnittstelle zum Kunden.

Verbraucher wiederum genießen mit Konzepten wie „Same Day Delivery“ die sofortige Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen. „Diese Erwartungshaltung überträgt sich auch auf das mobile Leben in unseren Städten. Mobilität wird mehr und mehr ,auf Zuruf’ angeboten und konsumiert, etwa in Form von autonom fahrenden Taxis“, erklärt Neckermann. Er ist der Ansicht: „Insbesondere urbane Kunden verzichten heute schon auf das eigene Auto. Sie nutzen Carsharing-Dienste, Taxen oder den öffentlichen Nahverkehr. Das autonome Fahren wird bald auch den Verzicht auf das Autofahren und gar den Führerschein erlauben.“

In Hamburg liefert Hermes mit Elektro-Lkw. Foto: Hermes

In Hamburg liefert Hermes mit Elektro-Lkw. Foto: Hermes

Wenn auf der einen Seite die Zahl der selbst fahrenden Mobilitätsteilnehmer in unseren Städten sinkt, drängen auf der anderen Seite immer mehr kommerziell und öffentlich betriebene Flotten für Mobilitätsdienstleistungen auf den Markt. Dabei werden die autonom fahrenden Pkw in den Städten von morgen wie öffentliche Fahrgemeinschaften genutzt. Angetrieben werden die Fahrzeuge häufig elektrisch.

Fest steht: Obwohl die Zahl der privat gefahrenen Kilometer sinkt, wird der Bedarf an Mobilität stetig zunehmen. Experten der Denkfabrik RethinkX aus San Francisco in Kalifornien prognostizieren für das Jahr 2040 weltweit 750 000 Millionen gefahrene Kilometer. Zum Vergleich: 2015 waren es laut Studie lediglich 600 000 Millionen.

Quelle: ampnet, Hans-Robert Richarz

 

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